Der optimale Zeitpunkt ist jetzt

Die Geschichte zweier Astrologen

aus dem Buch
“Ein fliegender Vogel blickt nie zurück ”
von Shiva Ryu


mit freundlicher Genehmigung des Scorpio Verlages!

 Astrologie ist in Indien derart weit verbreitet, dass manche es das Land der Astrologen nennen. Allen Kindern wird mittels Geburtshoroskop ihr Schicksal prophezeit. Diese Weissagungen wirken in fast alle Lebensbereiche hinein, von der Berufsausbildung über die Wahl des Ehepartners, von Wohnungswechseln und Reiseplänen bis hin zu Geschäftsentscheidungen.

Mein indischer Freund Sunil Tiwari, selbst Astrologe, rät mir jedes Mal, wenn ich nach Indien komme, aus welcher Richtung ich nicht anreisen oder welche Farbe ich nicht tragen soll. Ich erschrecke ihn dann, indem ich absichtlich weiter bei meiner gewählten Route bleibe oder Kleidung in ebendieser Farbe wähle.

Der wichtigste Faktor in der Astrologie ist die Zeit. Sie ist die Kraft, die über alle Dinge im Universum herrscht und in der Welt, in der wir leben, verkörpert zum Ausdruck kommt. Nach G. Jung prägen sich in alles, was zu einer bestimmten Zeit geboren wird, unauslöschlich deren Merkmale ein.

In Jaipur, einer der Städte mit besonderer astrologischer Tradition, die wegen ihrer rosarot gestrichenen Gebäude auch »Pink City« genannt wird, lebte einmal ein Astrologe. Er war ein ausgezeichneter Himmelsbeobachter und Sterndeuter, aber seine Frau war unzufrieden mit ihm.

»Tagaus, tagein starrst du nur in deine astrologischen Bücher«, beschwerte sie sich. »Aber fällt aus der Konstellation etwa Reis heraus, liefert sie Mehl? Du musst Geld verdienen! Von irgendetwas müssen wir leben!« Ein ums andere Mal versuchte ihr Mann, sie zu beschwichtigen. Sie solle ihm vertrauen, sagte er. Er strebe nicht umsonst nach Wissen. Es gehe darum, alle möglichen Konstellationen durchzurechnen, um so den einen allergünstigsten Moment in der Geschichte des Universums vorherzusagen. Wenn er gekommen sei, würden sich Maiskörner in Gold verwandeln.

Die Frau aber schimpfte: »Wie lange willst du mir noch mit dieser absurden Geschichte kommen? Wenn du auch nur ein einziges Mal ein solches Wunder bewirkt hättest, wären wir jetzt nicht so arm. Wie willst du Mais in Gold verwandeln, wo du nicht einmal in der Lage bist, das Geld für eine einzige Mahlzeit zu verdienen?«

Doch wie sehr ihm seine Frau auch zusetzen mochte, der Astrologe ließ sich nicht beirren und brütete weiter über seinen Berechnungen, bis es eines Tages so weit war: Der lang ersehnte glückverheissende Moment stand endlich vor der Tür. Durch eine äußerst seltene Planetenstellung würde sich die gesamte Energie des Kosmos in einem bestimmten Augenblick bündeln. Mit ernster Miene weihte er seine Frau ein: »Ich will nun meditieren, um die Energie des Universums genau im passenden Augenblick auf uns zu ziehen. Stelle einen Topf auf den Herd,damit er schön warm ist, und halte die Maiskörner bereit. Wenn ich dir das Signal gebe, schütte den Mais sofort in den Topf. Sie werden wie Popcorn platzen und sich in pures Gold verwandeln. Auf keinen Fall darfst du diesen Moment verpassen. Verliere keine Sekunde, sonst verstreicht diese Chance, die sich nur einmal in tausend Jahren ergibt.« Seine Frau erwiderte ruhig und wahrheitsgemäß: »Wir haben kein einziges Maiskorn im Haus, und es ließe sich keins finden, selbst wenn ich alles mit der Lupe absuchen würde. Wie willst du da Gold machen?«

Der Astrologe überlegte nicht lang. »Warum gehst du nicht einfach zu unserer Nachbarin und leihst dir von ihr etwas aus?« Die Frau ging also ein Haus weiter, klopfte an die Tür und fragte, ob die Nachbarin ihr eine Schüssel Mais borgen würde. Da fragte diese neugierig: »Wofür brauchst du denn plötzlich so viel Mais?« Und so erzählte sie ihr von der astrologischen Prognose ihres Mannes.

Die Nachbarin hatte ein Einsehen und gab ihr, worum sie gebeten hatte. Als sie wieder allein war, überlegte sie, dass die glückverheissende Konstellation, die sich nur einmal in tausend Jahren ereignete, ihr segensreiches Wirken sicher nicht nur im Haus des Astrologen entfalten würde. Sie beschloss also, die seltene Gelegenheit selbst zu nutzen, entfachte hastig ein Feuer, erhitzte den Topf und stellte genug Maiskörner bereit. Dann lauschte sie an der Wand zu den Nachbarn.

Auch die Frau des Astrologen stellte ihren Topf auf den Herd und die Schüssel mit dem Mais bereit und wartete auf das Zeichen ihres Mannes. Der saß in Meditation versunken da, bis er schließlich rief: »Jetzt!« Augenblicklich schüttete die Nachbarin den Mais in den heißen Topf.

Der Frau des Astrologen aber mangelte es an Zuversicht un sie fragte: »Soll ich den Mais wirklich jetzt in den Topf tun? Bist du dir sicher? Schau noch einmal genau hin.«

Der glückverheissende Moment des Universums war vorbei, noch bevor der Astrologe antworten konnte. Und schon war die »goldene Gelegenheit« verflogen Der Astrologe war sehr enttäuscht und schimpfte mit seiner Frau, die all seine Mühe in Rauch hatte aufgehen lassen.

In diesem Augenblick klopfte die Nachbarin an die Tür und hielt ihnen lachend ihren Topf entgegen. Er quoll über vor glänzenden Goldkügelchen. Um sich zu bedanken, gab sie ihnen ein paar davon ab.

Die Frau des Astrologen traute ihren Augen kaum. »Lass es uns noch einmal probieren!«, sagte sie zu ihrem Mann. »Holen wir den glückverheissenden Moment zurück! Dieses Mal werde ich die Chance nicht verpassen!«

Da raufte sich der Mann die Haare und schrie: »Wie sollte das gehen? Ich kann doch die Zeit nicht zurückdrehen! Das Universum bewegt sich weiter. Ein Moment, der einmal vergangen ist, ist für immer verloren, wenn du ihn verpasst!«

Wir haben ständig das Gefühl, in unserem Leben etwas zu verpassen; was wir aber am häufigsten verpassen, sind diese ganz besonderen Momente. Das Leben ist bereit, uns zu geben, was wir brauchen, und in solchen Augenblicken ist jede Stellung der Planeten perfekt.

Auch in Guwahati im indischen Bundesstaat Assam, ebenfalls eine »Stadt der Astrologie«, lebte ein Astrologe mit seiner Frau.

Die beiden nahmen keine Tätigkeit in Angriff und trafen keine Entscheidung, ohne zuvor die Konstellation der Planeten und die Aspekte der zwölf Sternbilder zu studieren und den geeignetsten

Zeitpunkt für ihr Vorhaben zu bestimmen. Eines Nachts wachten die beiden von einem seltsamen Geräusch im Haus auf. Der Mann flüsterte seiner Frau zu: »Ich glaube, bei uns bricht gerade jemand ein. Hast du das Geräusch auch gehört?«

Seine Frau raunte zurück: »Ja, es muss ein Einbrecher sein! Wer sollte sonst nachts bei uns unten in der Stube rumoren?« Da war es wieder, das Geräusch. Es hörte sich tatsächlich so an, als würde jemand das Haus durchsuchen.

Die Frau bekam es mit der Angst zu tun. »Vielleicht sollte ich laut schreien, dass bei uns ein Einbrecher im Haus ist? Dann werden uns die Nachbarn zu Hilfe eilen!« Der Astrologe war dagegen: »Auf keinen Fall! Du weißt es doch. Etwas so Wichtiges können wir nicht tun, ohne zuerst das Nakchatra (die Mondbewegung), das Raschi (die zwölf Sternbilder) und das Dasha (den Planetenzyklus) zu befragen. Ich hole gleich meine Bücher und die Himmelskarten und werde berechnen, wann ein günstiger Moment ist, um nach Hilfe zu rufen.«

Auf Zehenspitzen schlich er zu seinem Schreibtisch, zog Bücher und Karten hervor und begann im fahlen Mondlicht zu rechnen.

»Und?«, fragte seine Frau ungeduldig. »Was sagen die Sterne?«
»Meiner Berechnung zufolge ist der beste Moment in sechs Monaten«, gab der Mann zurück. »Einen anderen, der günstig wäre, gibt es vorher nicht. Heute ist kein guter Zeitpunkt zum Schreien. Wir haben keine andere Wahl, als bis dahin zu warten. Schlafen wir also jetzt lieber weiter.«

Seine Frau war sich nicht sicher, ob sie wirklich so lange warten sollten. Bis dahin hatten sie sich jedoch in allen wichtigen Fragen nach den astrologischen Berechnungen gerichtet, und so beugte sie sich auch jetzt der Entscheidung ihres Mannes. Um die Geräusche im Wohnzimmer nicht hören zu müssen, zogen sich die beiden die Decke über den Kopf und versuchten zu schlafen.

Für den Einbrecher war es ein Glückstag. Er hatte freie Hand zu tun, wozu er gekommen war, und konnte anschließend das Haus in aller Gemütsruhe verlassen.

Am nächsten Morgen kam für die Eheleute das böse Erwachen: Ihr Haus war komplett ausgeräumt worden. Aber was sollten sie tun? Um den Einbruch bei der Polizei anzuzeigen, war der Zeitpunkt nicht geeignet. Sechs Monate später standen die Sterne endlich günstig. Schon im Morgengrauen wachte der Astrologe auf, und zu allem entschlossen, rief er:

»Warte, Dieb, ich werd’s dir zeigen!« Er rüttelte seine Frau aus dem Schlaf. Sie schauten sich fest in die Augen und schrien aus Leibeskräften:
»Einbrecher! Einbrecher! Hilfe!«

Sofort rannten die Nachbarn herbei. Aber sie fanden nur dasEhepaar in ihrem leeren Haus vor. Von einem Einbrecher war weit und breit keine Spur.

»Wo ist denn der Einbrecher?«, wollten die Leute wissen.

»Oh«, sagte der Astrologe. »Der war vor sechs Monaten da und hat sich längst aus dem Staub gemacht. Aber wir haben erst heute um Hilfe gerufen, weil der Zeitpunkt damals nicht günstig war. Heute stehen die Sterne wirklich gut.«

Die Nachbarn gingen wieder nach Hause und wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten.

Mag sein, dass alles und jedes im Universum unser Leben beeinflusst, aber wir selbst sind es, die von Moment zu Moment über unser Schicksal entscheiden. Was immer wir aufgrund von Berechnungen und Ängsten verschieben, wir haben den Zeitpunkt verpasst, denn der richtige Zeitpunkt ist jetzt. Der Frühlingstag des Lebens ist im Hier und Heute – ein Tag zum Handeln, ein Glückstag eben.

 

Shiva Ryu ist einer der erfolgreichsten Autoren Koreas. Seine Bücher standen 21-mal auf verschiedenen Bestsellerlisten. 1959 in Okcheon, Südkorea, geboren, lebt er seit 1988 in verschiedenen Meditationszentren in den USA und Indien. Im April 2020 ist bei Scorpio sein Buch Setze keinen Punkt an die Stelle, an die Gott ein Komma gesetzt hat erschienen

 

Shiva Ryu
Ein fliegender Vogel blickt nie zurück
ISBN 978-3-95803-347-4
Verlag: Scorpio