„Halt die Klappe“ von Kerstin Mattmüller

 

Im April 2005 besuchte ich mein erstes Meditations-Retreat.

Es fand im wunderschönen mecklenburgischen Warnkeshagen an der Ostsee statt. Das Seminar wurde geleitet von Jörg Andrees Elten und Martina Kaltenbach. Ich lernte Andrees bei einer Lesung im Gutshaus Stellshagen damals kennen und war fasziniert von dem was er erzählte. Er ließ Anfang der 80er Jahre sein Leben als Journalist beim „Stern“ zurück um im Ashram in Poona mit Bhagwan zu leben. Seit einigen Jahren schon führte er mit seiner Partnerin Martina Kaltenbach das Institut für Kreativität und Meditation an der Ostsee. Ich wusste bis dahin nichts von Bhagwan, Sanyasins und Poona. Nach der Lesung, lass ich alle seine Bücher und meldete mich für das Seminar an.

Es handelte sich um ein Schweigeseminar. Fünf Tage Schweigen und meditieren.  Eine Freundin verabschiedete mich am Vortag mit den Worten „Ich wünsche dir ganz viel Spaß an der Ostsee und halt deine Klappe!“ Zum einen redete ich selbst ziemlich viel und zum anderen war ich oft genervt von dem Geplapper der Anderen. Einige Tage Schweigen hörte sich für mich nach Ruhe an und diese benötigte ich zu dem damaligen Zeitpunkt sehr.

 

Der erste Tag begann mit einer dynamischen Meditation. Ich hatte noch nie davon gehört und hatte keine Vorstellung was mich erwartete. Wir sollten leichte Sachen anziehen, da wir ziemlich ins Schwitzen kommen würden. Andrees erklärte uns die Abfolge:

„Zehn Minuten Atmen im Stehen.Bewegt eure Arme. Atmet unregelmäßig, chaotisch. Kurz ein, lang aus, kurz ein, kurz aus, lang ein, kurz aus usw.“

Andrees machte uns das vor.

„In der zweiten Phase fangt ihr an zu schreien, lasst alles raus was in Euch steckt. Hauptsache ihr gebt einen Laut. Schreit, lacht, singt, seid wie ein Kind, denkt nicht drüber nach. Seid total!!!“

Total? Total bescheuert, denke ich.

„In der dritten Phase fangt ihr an zu springen. Streckt Eure Arme in die Luft und springt auf Eure Fersen. Jedes Mal wenn ihr aufkommt, stoßt ein HUH! aus“.

Andrees machte uns auch dies vor. Er war zu dem Zeitpunkt bereits 77 Jahre alt. Er sprang und „HUHHHTE“.

„HUH HUH HUH HUH“

Zehn Minuten? Die sind verrückt, denke ich.

„Für die vierte Phase rufe ich STOPP. Ihr bleibt stehen. Arme nach oben. Zehn Minuten innehalten. Danach beginnt Phase fünf.“erklärt Andrees weiter. „Tanzen. Lasst Euch von der Musik inspirieren. Bewegt Euren Körper wonach er Lust hat. Dreht Euch, schüttelt Euch, tanzt. Schließt während der ganzen Meditation die Augen. Schaut nicht was die anderen machen.. Das war’s. Danach gibt’s Frühstück“.

 

Ich denke ich brauche an dieser Stelle nicht erwähnen, dass ich damals drauf und dran war zu verschwinden. Aber nein, ich blieb, weil einfach alle blieben. Ich wusste nicht, dass fast alle Teilnehmer Sanyasins waren. So schrie ich mit ihnen und huhhte und tanzte was das Zeug hielt.

Wir zogen diese Nummer jeden Morgen durch und ich weiß noch ganz genau wie ich an Tag drei fast die Treppe runtergefallen bin, weil ich tonneschwere Waden hatte. Die dynamische Meditation gab es nur morgens, im Laufe des Tages gab es Weitere und durchaus Angenehmere, zumindest empfand ich es so. Ich lernte die „Vipassana Meditation“ und „Nadabrahma“ ( wir summten gemeinsam direkt am Meer) kennen und viele Weitere Meditationstechniken. In den ganzen fünf Tagen konnte ich meine Erfahrungen mit den Meditationen mit Niemandem teilen, außer mit mir selbst. Das fand ich gar nicht weiter schlimm. Jedoch war ich überrascht, wie viele Stimmen es in mir gab. Und wie laut sie sind. Da war nichts mit Ruhe und Stille. In mir gab eine Kritikerin, die im Übrigens meist das Wort hatte, es gab das innere Kind, welches gern nach Hause wollte oder zumindest auf irgendeinen Arm. Die berufstätige Singlefrau plante und organisierte, die Fürsorgliche wollte gern alle mit Tee und Keksen versorgen, die Perfektionistin räumte auf und es gab viele Weitere. Wir waren also Viele in meinen Kopf. Und das fand ich erstaunlich, weil jeder dieser Stimmen Emotionen auslöste und ich diese sehr gut wahrnehmen konnte. Von Zorn und Wut über tiefe Traurigkeit und Kummer bis zur bedingungslosen Liebe konnte ich alles spüren. Und zwar auch genau in dieser Reihenfolge. Am ersten Tag war ich so wütend über diesen Quatsch, den ich da mitmachte, dass ich hätte alles kurz und klein hauen können. Nach fünf Tagen jedoch, ging erfüllt von Liebe nach Hause.

 

Das waren die ersten bewussten Begegnungen mit mir selbst.

Es war alles dabei. Damals praktizierte ich schon einige Zeit Yoga und hatte immer wieder gespürt, dass da noch mehr war. Ich hatte viele Fragen zum Leben allgemein und zu Meinem im Speziellen. Und im Laufe der Jahre fand ich viele Antworten. Einige im Außen, doch die Meisten im Inneren. Im Stillen, auf einem Kissen mit geschlossenen Augen. Nur mein Körper, mein Atem, mein Geist und ich.

Wenn wir meditieren nehmen wir Kontakt zu uns auf und können so nach und nach die Schichten durchdringen, die uns umgeben. Um ganz tief im Inneren, unserem wahren Selbst nahe zu kommen. Und das ist die Reise wert. Denn bei allem was wir denken zu Sein, in unseren Alltag mit unseren Sorgen und Nöten, Freuden und Herausforderungen gibt es doch dieses tiefe Wissen, da ist Mehr. Das ist Wahrhaftigkeit. Da ist Liebe. Da ist Sein.

In den Folgejahren hatte ich einige Seminare bei Andrees besucht, sowie auch bei Martina und ich bin Beiden unendlich dankbar, dass sie mir auf meinem Weg begegnet sind. Mit ihnen hatte meine spirituelle Reise begonnen. Sie haben mir damals diesen Schatz gezeigt. Den Schatz, den es in uns allen zu entdecken gibt.

Andrees verstarb letztes Jahr im Alter von 89 Jahren. Ich hatte ihn davor schon lange nicht mehr gesehen. Mit seinem Abschied von der Welt kamen meine Erinnerungen an diese erste Zeit noch einmal hoch. Ich konnte dieses Gefühl von bedingungsloser Liebe noch einmal spüren, das ich empfand als damals das Seminar endete. Seine Freunde schrieben ihm nach seinem Tod ein Abschiedsbuch. In dem steht, dass seine Worte am Sterbebett lauteten: „Alles was zählt, ist die Liebe.“

Und ich glaube ihm.