Setze keinen Punkt an die Stelle, an die Gott ein Komma gesetzt hat

SHIVA RYU

DER TOD DES ORPHEUSBÜLBÜL

An einem trüben Wintertag klopfte es draußen an meinem Eingangstor, und als ich aufmachte, stand das Kind von gegenüber vor mir. Es ging nur selten aus dem Haus, und so hatte ich es bis dahin nur wenige Male gesehen.

Wortlos streckte es mir die Hand entgegen. Ein Orpheusbülbül lag darin. Ein Blick genügte, um zu sehen, dass der Vogel tot war. Das Kind ließ mir keine Zeit, um zu fragen, wo es den Vogel gefunden habe, sondern bat mich, ob ich ihn in meinem Garten begraben könne. Sie selbst hätten keinen und wüssten darum nicht, wo sie ihn bei sich unter die Erde bringen sollten. Der Junge hatte kaum ausgesprochen, da reichte er mir auch schon den Vogel, machte auf dem Absatz kehrt und ging heim.

Eine Weile stand ich perplex da und starrte auf das tote Tier in meiner Hand. Orpheusbülbüls gehören zu den Vögeln, die im Frühling neben Spatzen und Kohlmeisen in Scharen in meinen Garten kommen, um an den Staubblättern der Purpurmagnolien zu picken. Sie sind immer paarweise unterwegs. Wenn ich einen entdecke und mich umschaue, sehe ich den zweiten bestimmt irgendwo sitzen, vorzugsweise im Aprikosenbaum.

Nach kurzem Überlegen holte ich mir eine Gartenhacke und fing an, neben dem Baum ein Loch auszuheben. Der Vogel war nicht groß, und es genügte ein kleines, doch die Erde war gefroren, sodass es nicht ganz so leicht war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Außerdem war meine Hacke stumpf, und immer wieder traf ich auf einen Stein, sodass die Funken sprühten.

Ich war mitten bei der Arbeit, als ich es noch einmal klopfen hörte, und wieder stand der Junge vor mir. Ich habe zwar eine Klingel, aber scheinbar hämmerte er lieber mit der Faust gegen das Holztor, als auf den Knopf zu drücken. Ich hielt die Hacke in der einen Hand, und er drückte mir einen alten Turnschuh in die andere. Noch bevor ich ihn fragen konnte, was ich damit anfangen sollte, sagte er: »Tun Sie den Vogel da rein, wenn Sie ihn begraben. Es ist doch so kalt.«

Als er sich zum Gehen wandte, sah ich, dass er nur einen Schuh anhatte und deshalb ein klein wenig hinkte. Es war ein bitterkalter Tag, und er hatten nicht einmal Socken an.

Ich ging in den Garten zurück und grub weiter, als es auf einmal in dicken Flocken zu schneien begann. Kaum war der metallische Klang von Hacke auf gefrorener Erde verhallt und der Orpheusbülbül im Turnschuh in die Grube gelegt, lag eine Schicht Schnee über dem Grab, noch bevor ich es mit Erde bedeckt hatte. Es schneite und schneite, und bald war das Dach meines Hauses in eine dicke Schneedecke gehüllt, und auch das Dach des Hauses gegenüber, in dem das Kind mit dem Down-Syndrom lebte. Die ganze Welt schien im Schnee zu versinken. Was ist ein Mensch? Was heiligt ihn? So unvollkommen er auch sein mag, in seinem Wesen liegt eine besondere Schönheit.

Irgendwann nach unserer Begegnung zog der Junge fort, doch jedes Mal, wenn ich an meinem Aprikosenbaum vorbeikomme, denke ich daran, wie er mir erst den Vogel und dann den Schuh brachte und wie er halb barfuß nach Hause hinkte. Das Wichtigste, so glaube ich, tragen wir im Herzen. Darum werden wir so leicht verletzt, wenn wir der Welt mit offenem Herzen begegnen. Aber es tut weniger weh, als mit geschlossenem Herzen zu leben. Was sollen wir hier auf Erden lernen? Liebe vielleicht? Ich glaube, wir haben nur eine einzige Aufgabe: uns auf uns selbst zu konzentrieren und uns klarzumachen, dass alle außer uns andere – Fremde – sind, auf die wir keinen Einfluss haben. Mitgefühl aber können wir nie genug haben. Das wiederum stärkt unser »Ich«.

Bei einem Besuch in einem Meditationszentrum lernte ich folgendes Gebet: »Möge ich möglichst viel Liebe und Mitgefühl empfinden. Möge ich zumindest freundlich sein, wenn ich in diesem Moment weder Liebe noch Mitgefühl empfinde. Möge ich nicht urteilen, wenn ich es nicht fertigbringe, freundlich zu sein. Möge ich niemandem Schaden zufügen, wenn ich es nicht schaffe, nicht zu urteilen. Möge der Schaden möglichst klein sein, wenn es mir unmöglich ist, niemandem Schaden zuzufügen.«

Nichts geschieht ohne Grund, und alle Begegnungen haben eine Bedeutung. Niemand tritt zufällig in unser Leben. Der eine kommt und verlässt uns bald wieder, der andere begleitet uns länger, aber jeder hinterlässt kleinere oder größere Spuren in unserem Herzen und macht uns damit zu einem anderen Menschen, ohne dass es uns gleich bewusst wird … Danke, dass du in mein Leben getreten bist. Es gibt einen Grund dafür –ob unsere Beziehung nun eine Jahreszeit währt oder ein ganzes Leben.

Shiva Ryu
Setze keinen Punkt an die Stelle,
an die Gott ein Komma gesetzt hat
Weisheitsgeschichten
256 Seiten, Klappenbroschur
Mit 5 farbigen Illustrationen von Miroco Machiko
ISBN 978-3-95803-315-3

VERLAG: Scorpio

Aus dem Koreanischen von Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer

Herzlichen Dank an den SCORPIO Verlag, dass wir diese Geschichte unseren Lesern zur Verfügung stellen dürfen.