Gaby Kammler – YOGAundKREBS® Köln

Interview mit Gaby Kammler, Gründerin von YOGAundKREBS® Köln und Yogalehrerin (Yoga Alliance RYT-200 sowie 500 h Advanced Teacher), y4c-zertifiziert (Yoga for Cancer) und Gastdozentin für das Thema „Yoga und Krebs“ . Gaby unterrichtet verschiedene Yogatraditionen, wie Sivananda und Ashtanga Yoga, Yin Yoga sowie Elemente aus dem Kundalini Yoga.

YSM: Gaby, du hast ein spezielles Yoga-und Krebs-Konzept entwickelt. Wie bist du dazu gekommen?

GK: Ich habe über 15 Jahre im wissenschaftlichen Außendienst gearbeitet, die letzten Jahre davon in der Onkologie. Dort fiel mir auf, dass Krankheitsverläufe, auch bei äußerlich gleichen Bedingungen, sehr unterschiedlich sein können. Ich musste einfach genauer hinsehen und beobachtete, welche Faktoren außerhalb der medizinischen Therapien auf unsere Genesung einwirken. Unsere psychische Verfassung, zum Beispiel, die Qualität unserer Gedanken, das Maß an Selbstfürsorge und natürlich die Kraft der Liebe von nahestehenden Personen – all das kann generell unser Befinden beeinflussen.

YSM: War das auch die Motivation, dich als Yogalehrerin mit Krebs-Betroffenen zu beschäftigen?

GK: Ja und ich möchte gleich noch eine kleine Achtsamkeits-Anmerkung vorausschieben: Ich habe mir angewöhnt von „Menschen mit Krebs-Erfahrung“ statt von „Betroffenen“ zu sprechen. Durch die Arbeit mit meinen SchülerInnen lerne ich selbst jeden Tag dazu. Beispielsweise wie wichtig es ist, auch mit Sprache wertschätzend umzugehen.

YSM: Stimmt. „Betroffen“ klingt nach „es ist passiert und du kannst nichts dagegen tun“. Trotzdem ist Krebs ja immer noch eine absolute Hiobsbotschaft. Die meisten von uns kennen jemand im Bekannten-, Freundes- oder sogar Familienkreis, sind aber eher verunsichert und wissen nicht, wie man damit umgehen soll. Wie können wir die Scheu vor dem Thema überwinden?

GK: Fakt ist, dass es jedes Jahr 500.000 Neuerkrankungen in Deutschland gibt. Doch es gibt dabei auch die gute Nachricht: Die Heilungschancen haben sich deutlich verbessert. Viele Krebserkrankungen können gut therapiert werden. Selbst ein Leben mit Metastasen ist mittlerweile möglich. Hier hat die Krebsforschung einfach gigantische Fortschritte gemacht.

YSM: Wie kann Yoga helfen, die Lebensqualität bei Krebs zu verbessern?

GK: Im Grunde genommen liegt unser Dharma als Yogalehrer darin, unser logisches Wissen „zum Wohl der Menschen“ weiterzugeben und Wege zu einem heilsamen Umgang mit uns selbst und unseren Lebensumständen aufzuzeigen – auch wenn diese besonders herausfordernd sind. Wer eine Krebs-Diagnose erhält, hat ganz plötzlich eine Menge besonderer Herausforderungen zu meistern: Operationen, Chemotherapie und Bestrahlungen überstehen und mit den unterschiedlichsten Nebenwirkungen fertig werden.

Ein komplexer, und nicht selten schmerzhafter Prozess wird angestoßen: schwere körperliche Belastungen wirken sich häufig auf die psychische und seelische Verfassung aus. Schwäche und Ausfälle bedingen wiederum Veränderungen im sozialen und beruflichen Umfeld. Kurzum: Der gesamte Lebensentwurf steht auf dem Prüfstand.

YSM: Das klingt nach ziemlich viel, was es zu bewältigen gibt. Wo genau setzt du hier mit Yoga an?

GK: Die wichtigste Maxime für uns Yogalehrer lautet: Dem Menschen dabei zu helfen selbst aktiv zu werden.

YSM: Das überrascht mich jetzt. Ich habe mir vorgestellt, dass man während einer Krebs-Erkrankung eher Last abgeben möchte und lernen muss, Hilfe anzunehmen.

GK: Eine meiner Kölner YuK-Schülerinnen hat es mal so formuliert. „Handeln statt behandelt zu werden!“ Dies bedeutet, dass man nicht die Verantwortung abgibt, sondern immer noch selbst steuern kann, wie man sich fühlt. Etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun, ist in diesem Prozess entscheidend.

YSM: Du unterscheidest genau nach der Förderung körperlicher und emotionaler Kräfte. Welche Form der Asana-Praxis ist denn empfehlenswert: Von einer schweißtreibenden Vinyasa-Stunde ist sicher abzuraten, oder?

GK: Naja, Power-Vinyasa Yoga ist nicht unbedingt Bestandteil einer YuK-Stunde. Andererseits geht es schon darum, behutsam Kraft aufzubauen und die Beweglichkeit zu erhöhen – insbesondere nach Operationen gilt es, das Narbengewebe achtsam zu dehnen und langsam die Beweglichkeit zu erhöhen. Sanfte Flows und Wiederholungen sind außerdem notwendig, um den Lymphfluss anzuregen. Gerade nach der Entfernung von Lymphknoten bei Tumoren im Brust- oder Bauchbereich treten Lymphödeme, d.h. Flüssigkeitsansammlungen auf. Hier können wir ganz gezielt ansetzen. Deshalb ist eine YuK-Stunde nicht mit einer sanften Yogastunde zu verwechseln. Es kommt auf die richtige Zuordnung von fundiertem Wissen über die Krebserkrankung und ihrer Therapieformen an, um Nebenwirkungen wie Fatigue- Syndrom, Lymphödeme oder Osteoporose gezielt zu lindern.

YSM: Wie hilfst du deinen Schülern in den YuK-Stunden mit emotionalen Belastungen umzugehen?

GK: Zunächst einmal arbeite ich ganz viel mit Affirmationen, d.h. positiven, bejahenden

Sätzen. Die Anleitung einer bestimmten Meditation oder Visualisierung kann zum Beispiel

durch konkrete Phasen von Chemotherapie und Bestrahlung tragen, wenn kaum eine Asana- Praxis möglich ist.

Wir konzentrieren uns wirklich darauf, positive Gedanken und Gefühle zu kultivieren. Im Fokus stehen Reflexionen wie: Wie können wir Ängste reduzieren und Freude fördern? Wo liegen meine ureigenen Kraftquellen und wie mache ich sie für mich nutzbar?

YSM: Ist der spirituelle Ansatz für deine Schüler akzeptabel? Viele gesunde Schüler stöhnen ja schon beim gemeinsamen Om.

GK: Mir ist es wichtig zu betonen, dass jeder die Freiheit hat, individuell zu definieren, wo Selbstfürsorge beginnt und wie weit sie gehen darf. Wie immer im Yoga gilt: alles darf, nichts muss. Ich beobachte immer wieder, dass innerhalb des geschützten Raumes unserer YuKGruppen mehr und mehr Mut entsteht, das Leben nochmals neu zu betrachten: Wofür bin ich hier? Wie will ich nach der Erkrankung weiter machen? Was sind meine Stärken und Talente? Was könnte mir die Krankheit sagen?

YSM: Was bietest du an, wenn Menschen zu dir in die Stunde kommen, bei denen es nicht um die Aktivierung von Selbstheilungskräften geht, weil sie austherapiert sind und schlichtweg keine Heilung möglich ist?

GK: Gerade in der Palliativbegleitung werden die drei magischen „M“s als heilsam empfunden: Meditationen, Mudras, Mantras. Sie lenken den Fokus immer wieder auf das „Hier und Jetzt“. Das gibt Halt und begleitet Schritt für Schritt auf dem Weg in die größte Akzeptanz, die es im Leben anzunehmen gilt – nämlich unsere physische Endlichkeit.

YSM: Mittlerweile bietest du YOGAundKREBS® sogar als Weiterbildung für Yogalehrer an!

GK: Aus meinem Know-how über die westliche Schulmedizin und meiner Erfahrung als Yogalehrerin ist ein Gesamtkonzept entstanden, das Körper, Geist und Seele mit einbezieht und einen ganzheitlichen Blick auf eine Krebserkrankung ermöglicht. Die tägliche Arbeit mit Menschen mit Krebserfahrung, der intensive Austausch mit meinem Meditationslehrer in Indien und meine eigene Meditationspraxis haben mir geholfen, dieses Wissen immer weiter zu vertiefen. Nun will ich dieses Wissen auch an andere Yogalehrer weitergeben. Mein größter Wunsch ist zugleich die Vision meines Herzensprojektes: Jeder Mensch mit Krebserfahrung soll in seiner Nähe ein kompetentes YOGAundKREBS-Angebot wahrnehmen können, um sich in allen Phasen dieses Lebensabschnittes gut begleitet zu fühlen.

YSM: Du meinst den Aufbau deines deutschlandweiten Projekts #lasstunswasbewegen

GK: Genau! Ein Netzwerk, das sich gerne in den sozialen Medien verbreiten darf. Vor allen Dingen aber mein Appell an alle Yogalehrer – gleich welcher Schule und Philosophie sie folgen – diesen Weg zu gehen und durch die 40 Stunden Weiterbildung, die auch einmal jährlich in Travemünde stattfindet, diese wichtige Zusatzqualifikation zu erwerben. Die Begleitung von Menschen mit einer Krebserfahrung ist eine wunderbar erfüllende, dankbare Aufgabe. Ich wünsche mir, dass sich immer mehr Yogalehrer dafür engagieren und wir ein flächendeckendes Angebot schaffen können!