Interview mit Mike Erler

 

Für unser Interview habe ich Wilde Kerle Yogalehrer Mike Erler in seiner Heimatstadt Lübeck zum Gespräch getroffen. Mikes Kollege, Freund und Hund Winnie war als Begleitung natürlich mit dabei.

Mike Erler ist vielen durch die Yoga Onlineplattform „Yogaeasy“ bekannt, bei der er von den zur Zeit 42 Lehrern, zu den zehn beliebtesten Lehrern zählt. Mit seinem Yogaprogramm „Wilde Kerle“ – Yoga für Männer ist er seit einigen Jahren in der ganzen Welt unterwegs, leitet Workshops, Masterclasses, Retreats, Yogareisen, Events. Mike unterrichtet dazu im Yogastudio seiner Freundin Sabine, dem YogaPur in Lübeck. Dazu bietet er SUP-Yogakurse an und ist laut „Yogaeasy“, der „Rockstar der deutschen Yogaszene“.

YSM: Was bedeutet Yoga für dich?
Mike: Yoga bedeutet für mich, das Höchstmaß an Freiheit zu kreieren… in meinem Dasein.

YSM:  Welcher „Teil“ des Yogas (Asanas, Pranayama, Meditation) ist Dir am wichtigsten und warum? Ich habe mal von Dir gelesen, dass es Dir zum Beispiel wichtiger ist, zehn Minuten zu Atmen und Pranayama zu praktizieren anstatt eines morgendlichen Workouts.
Mike: Ja, auf jeden Fall… Der Asana-Teil ist schon für mich eher Spielkram, mach ich sehr gerne. Das was ich halt mache ist über den Asana-Bereich Transformation einzuleiten, weil ich weiß, dass das ganz gut funktioniert. Auf jeden Fall bei mir… Bei den anderen funktioniert es noch besser. Ich persönlich bin der „Atem-Mensch“, also mir reicht es, wenn ich morgens 10 oder 20 Minuten atme, dann komme ich mehr auf Touren, als mit Asanas. 

YSM:  Wie versuchst Du deine Leidenschaft für Yoga weiterzugeben, ob nun an allgemeine Schüler oder nun speziell beim Männeryoga. Ist es dein Erfahrungswert, den Du da mit reinspielen lässt?
Mike: Ja, absolut, also nur. Alles was ich weitergebe, ist tatsächlich selbsterfahren und gelebt, alles andere macht überhaupt keinen Sinn. Konserviertes Wissen weiterzugeben, da kann ich auch Bücher hinlegen und sagen „macht mal“, da brauche ich dann nicht da vorne zu stehen. 

YSM: Du bist ja auf der Internetplatform von „Yogaeasy“ als Dozent sehr erfolgreich vertreten. Wie siehst Du diese Art der Yogapraxis, wenn Anfänger zuhause vor den Bildschirm Yoga praktizieren? Siehst Du das eher als Ergänzung zur Yogapraxis in einem Studio?
Mike: Wenn es jetzt um meine Sequenzen bei Yogaeasy geht, würde ich diese nicht unbedingt als Anfänger gleich üben. Ich sehe dieses  „Online-Yoga“ immer als Ergänzung. Dies ersetzt kein Studiobesuch, da zuhause niemand ist, der einmal draufguckt und Dir sagt: „Mach hier mal ein bisschen… Mach da mal ein bisschen… Modifiziere …“ Alles was wir dort unterrichten, ob nun die anderen Lehrer oder ich, die dort Übertragungsarbeit leisten, ist ja eher so ein bisschen allgemein gehalten. Wichtig ist, dass Asanas je nach Tagesform, je nach körperlicher Verfassung modifiziert werden. Alles andere kann nur ein Studio leisten, das können nur Lehrer live machen und nicht online. 

YSM: Wie motivierst Du Dich selbst? Wie bringst Du deine Yogapraxis in deinen Alltag ein? Hast Du Zeit für Dich auch noch Yoga zu machen?
Mike: Da ist gar keine Motivation nötig. Mit dem Atmen ist es tatsächlich so, wie mein morgendliches Kaffeetrinken oder Kaffeekochen, oder mit dem Hund spazieren gehen. So ist es, dass ich mir die Zeit nach dem Aufstehen nehme.  Für mich ist das – nach zehn Jahren – Routine, ohne die es nicht mehr geht. Das was tatsächlich wenig ist oder weniger, ist die Asana-Geschichte. Ich habe keine festen Programme, die ich abspule. Wenn ich persönlich eine neue Sequenz oder Asana bei Kollegen gesehen habe und ausprobiere, dann spiele ich auch ganz gerne mal ne Stunde oder länger rum. Es ist aber nicht so, dass ich jeden Tag meine drei Stunden Asana Praxis mache. Da sehe ich für mich auch keinen Sinn drin. 

YSM: Wo findest Du Inspiration und Raum für deine eigene Yogapraxis? Interessierst Du Dich auch für Workshops bei anderen Lehrern?
Mike: Ja, klar. Auf jeden Fall.  Mittlerweile muss ich es zeitlich abstimmen. Zur Zeit habe ich ein paar Youngs-Guns aus Amerika, die ich gerne sehe und mit ihnen praktiziere. Dementsprechend plane ich das für mich ein. 

YSM: Welche Yogalehrer haben Dich beeinflusst und/oder beeinflussen dein Tun?
Mike: Lance Schuler ist derjenige, der meinem Yoga, was in mir schlummerte, seine Sprache gegeben hat. Das ist mein „Hauptlehrer“, dem ich seit gut acht Jahren folge. Hier merke ich immer wieder, was für eine gute „Grundausbildung“ ich durch ihn u.a. in Bezug auf Anatomie und Alignement bekommen habe.  Was von vielen jungen Lehrern heute als Art „neuer Trend“ kommuniziert wird, habe ich vor acht Jahren bereits gelernt.  Mein Fundament, meine Basis ist durch Lance Schuler so gut! Das gibt mir ganz viel Sicherheit, dass ich, unabhängig vom Aufbau der Stunde eines anderen Lehrers, immer gesund aus dieser Klasse rauskomme. 

YSM: Wie versuchst Du Themen, wie z. B. Achtsamkeit an deine Schüler weiterzugeben? Ist das überhaupt möglich, oder gehst Du davon aus, dass jemand, der sich mit dem Thema befasst, irgendwann mehr wissen will?
Mike: Nee, da kann ich ja nicht von ausgehen. Also, grundsätzlich ist es so… Ich würde ein bisschen unterscheiden zwischen Männlein und Weiblein. Es gibt verschiedene Intentionen, wieso, weshalb der Einzelne zum Yoga kommt. Die sind natürlich so vielfältig, wie die Menschen. Ohne das eine oder andere Geschlecht über einen Kamm scheren zu wollen. Die Frauen sehen ihre Intention eher im „Außen“. Da geht es dann um Gewichtabnahme und Flexibilität. Männer sind da sehr viel schlichter.  Viele von ihnen kommen zum Yoga, um geistige Ruhe zu finden. Schnell merken sie bei mir, dass dieser physische Part,  der mitunter sehr fordernd ist, ein guter Transporter ist, um Ruhe zu finden und sich gleichzeitig beweglicher zu machen. 

Wenn die Männer das erste Mal ihre Füße mit den Händen berühren können, sind die schon ganz schön stolz. Das ist schon echt abgefahren. Dann haben die auch Bock auf ein bisschen mehr… Das ist aber nicht vordergründig.  Es ist tatsächlich so, dass Männer in meinen Kursen, eher nach „Atmung und Meditation“,  als einem Handstand, fragen.

YSM: Das überrascht mich jetzt aber. Das hätte ich nicht vermutet!
Mike: Ja, diese Überraschung habe ich häufig bei diesem Thema. Also, egal mit wem ich darüber spreche, sind meine Gegenüber ganz erstaunt. Die meisten gehen davon aus, dass die „Männerklassen“ ganz klassisch „Hauruck- wir machen Handstand – Kopfstand!“ aufgebaut sind. Wenn ich dann in einer Männerklasse mal einen Handstand ankündige, oder eine Inversion, dann fällt der Hälfte die Kinnlade runter und sie möchten am liebsten rausgehen. Es ist jetzt also nicht so, dass sie sich hervortun wollen, weil sie besonders wagemutig sind… Das sind sie alle, schon deshalb, weil sie zum Yoga kommen. Sie wollen aber auch nicht irgendwelche abgedrehten Asanas machen. 

YSM: Ich hätte jetzt vermutet, dass die Männer eher ein bisschen zurückhaltender sind, sobald es zu „spirituell“ wird. Meinst Du, dass Männer eine Hemmschwelle haben, Yoga zu machen, da es Ihnen „zu spirituell“ erscheint?
Mike: Nee, also es ist in der Regel so, dass die Männer gar nicht wissen, dass sie spirituell sind. Die sind dann ganz erstaunt, wenn sie irgendwann feststellen, dass sie da doch so ne gewisse Spiritualität in sich entdecken. Wenn sie das erste Mal mit sich selbst verbunden sind …durch die Atmung irgendwas hochkommt, Emotionen, ein bestimmtes Gefühl… Sind sie ganz erstaunt. Frauen sind ja „von Haus aus“ spirituell, würde ich jetzt mal so sagen. Die bluten einmal im Monat, sehen dann eine Masse an Blut, wissen, dass sie daran nicht verrecken. Das ist meiner Meinung nach etwas, was eine Frau von Haus aus spiritueller macht. Frauen sind da schon tiefer mit sich verbunden. 

Viele Männer haben, glaube ich, auch gar keine Vorstellung, was Spiritualität bedeutet.  Ist es jetzt Spiritualität, wenn ich mir ne Mala umhänge, da haben die tatsächlich keinen Bock drauf. Die brauchen keine spirituellen Anhängsel und Utensilien.

YSM:  Meinst Du, dass es möglich ist, Yoga „nur als Sport“ zu betreiben?
Mike: Es kommen viele zum Yoga, um sich körperlich zu verausgaben. Ob es nun mehr Flexibilität ist oder Kraftaufbau. Das kannst Du ja alles mit Yoga letztendlich über die Asanas machen. Mir ist die Intention von vielen ziemlich egal, da du mit Yoga immer so arbeiten kannst, dass du irgendwann von außen nach innen arbeitest. Vom Grobstofflichen zum Feinstofflichen… und sie dann irgendwann alle bekommst. Was aber häufig passiert, ist dass der ein oder andere sich dagegen wehrt. Die wollen nicht mit ihrem „Innen“ konfrontiert werden und hauen dann wieder ab. Daher gibt es in Yogastudios auch eine sehr hohe Fluktuation. Bei den Frauen übrigens eine höhere Fluktuation, als bei den Männern. Wenn sie merken, die können sich nicht mehr dagegen wehren, dass „das jetzt eng wird“… dann gehen die zum Zumba. Hauptsache sich nicht mit sich selbst beschäftigen. 

YSM: Wie würdest Du deinen Yogastil beim „Wilde Kerle“ Yoga und den normalen Stunden beschreiben?
Mike: Das ist ein sehr kraftvoller, dynamischer Yogastil, der schon sehr bedacht darauf ist, vernünftig ausgerichtet zu sein, aber auch Spaß bringt. Also trotz der Anstrengung, mit Spaß ausgeübt wird. Ich sage immer: „Mit Spaß zur Erleuchtung!“

YSM: Was bringt Dich aus der Ruhe?
Mike: Was mich zur Zeit natürlich aus der Ruhe bringt ist, ohne da jetzt näher darauf einzugehen, die weltpolitische und gesellschaftspolitische Situation. Die macht mich unruhig, die treibt mich auch an. Das lasse ich auch immer in meinen Unterricht einfließen. Speziell in der Yogaszene, wenn ich denn mal von der „Yogaszene“ sprechen mag, ist es so, dass mittlerweile Versprechen rausgehauen werden, die von niemandem gehalten werden können. Und schon gar nicht vom Yoga. Das strengt mich schon an und bringt mich hin und wieder auch an meine Grenzen, sodass ich unruhig werde. 

YSM: Welche Erfahrung würdest Du gerne rückgängig machen und warum?
Mike: Da gibt es keine, also ich für meinen Teil bin der festen Überzeugung, dass wir unsere Erfahrungen machen müssen, um einen bestimmten Weg zu gehen. Was ich für mich wichtig finde, ist, dass wir die Erfahrungen annehmen.  Als Unterstützung auf unserem Weg. Es gibt für mich auch keine schlechten und keine guten Erfahrungen, sondern Erfahrungen, die mich ein Stück weitergebracht haben. Und wenn ich zwei Meter zurückgegangen bin, dann nur um Anlauf zu nehmen. Es gibt also auch nichts, was ich rückgängig machen würde. Das macht mich aus. Das macht mich zu dem Mike, der ich bin. 

YSM:  Welche Persönlichkeit würdest Du gerne kennenlernen, wen hättest Du gerne kennengelernt, der dich beeinflusst/beeindruckt hat?
Mike: Mahatma Gandhi, Mutter Theresa oder Martin Luther King hätte ich gerne getroffen. Das sind so die Typen, da hätte ich schon mal Bock drauf gehabt. Es gibt bestimmt, den einen oder anderen, der noch lebt, aber so ad hoc fallen mir da nur Menschen aus der Vergangenheit ein. 

YSM: Welche Pläne hast Du für deine Zukunft?
Mike: (lacht!) Thema „vision and goals“.  Ich möchte „Männer und Yoga“ vorantreiben. Männern das Bewusstsein zu schärfen, dass sie gebraucht werden. Wo es auch darum geht, sich wieder zu positionieren, sich gerade zu machen, den Mund aufzumachen. Nicht dem schnöden Mammon hinterherzurennen und in diesem Hamsterrad durchzudrehen. Das ist mir schon wichtig, das ist mein Plan für die nächsten Jahre.  Das weiter voranzutreiben, in all seiner Konsequenz.  Ansonsten freue ich mich jeden Morgen, wenn ich aufwache und merke „ich lebe noch!“ und freu´ mich abends, wenn ich mich hinlege „und den Tag überlebt habe“.  (Lachen!) Sehr schön… mit 52 ist das wunderbar! Ich freue mich, wenn mein Hund zu mir ins Bett krabbelt. Dass ich das alles mitkriege…. am Leben teilnehme… auch am Leben meiner Tochter…  Das sind so die Dinge, aber das sind keine Pläne, das ist einfach das, worüber ich mich freue. 

Vielen Dank, Mike. Das war sehr offen, lustig, intensiv und interessant!

Interview: Ilka Koch

Foto: Ilka Koch
Portrait: Heiko Mattausch

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